Die Möglichkeit von Zärtlichkeit / La posibilidad de la ternura

Marco Layera / Teatro La Re-Sentida

(c) Maglio Pérez
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(c) Teatre Escalante
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Die Möglichkeit von Zärtlichkeit / La posibilidad de la ternura

Marco Layera / Teatro La Re-Sentida

An diesem Theaterabend des international gefeierten chilenischen Regisseurs Marco Layera ergreifen Jugendliche das Wort: Permanent werden sie zu einer Männlichkeit erzogen, die ihnen Zerbrechlichkeit und Zärtlichkeit abtrainiert und diese bestraft. Einfühlsamkeit wird als Schwäche ausgelegt. So sagt etwa einer der Darsteller: „Das Schlimmste, was meine Hände getan haben, ist das Kind in mir zu töten, damit ich ein Mann werde.“

Das wollen die jungen chilenischen Männer zwischen 14 und 18 Jahren nicht länger hinnehmen. Sie stellen sich eine Reihe von Fragen: Wie können wir uns verändern, wenn wir keine positiven männlichen Vorbilder haben? Was hält uns davon ab, Zuneigung zu zeigen oder um Zärtlichkeit zu bitten? Wie machen wir Zärtlichkeit zu einer politischen Praxis? In einem kraftvollen und poetischen Abend suchen Layera und das Theaterkollektiv La Re-Sentida nach der revolutionären Kraft von Zärtlichkeit. Starkes Theater für alle, die sich nicht mit festgeschriebenen Rollenbildern und Geschlechterklischees zufriedengeben wollen.

Infos

für alle ab 12 Jahren
Dauer: 70 Min.
Sprache: spanische Lautsprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Am 7.5. um 19.30 Uhr Warm-up für Publikum in Studio 2

Beteiligte und Förderer

Regie: Marco Layera und Carolina de La Maza
Dramaturgie: kollektiv
Dramaturg: Aljoscha Begrich
Besetzung: Leftrarü Valdivia Castro, Camilo Bugueño Espejo, Efraín Chaparro Pérez, José Miguel Araya Moreno, Dimitri Bueno Ferrer, Marcos Cruz Andulce, Matías Mendez González
Konstruktion: Tomas O'Ryan
Regie-Assistenz: Katherine Maureira und Humberto Adriano
Produktion: Victoria Iglesias
Lichtdesign: Karl Heinz Sateler
Bühnenbild: Teatro La Re-Sentida
Kostümentwurf: Daniel Bagnara
Schneider: Eugenio Pino
Tongestaltung: Andrés Quezada
Künstlerische Mitarbeit: Ernesto Orellana

Produktion: Centro Gabriela Mistral GAM und Ruhrtriennale Festival der Künste
Koproduktion: Münchner Kammerspiele

„La posibilidad de la ternura“ ist ein Projekt im Rahmen des Bündnisses internationaler Produktionshäuser, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Und es wird vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert.

Überlegungen zu männlichen Vorbildern

Wie kaum ein anderes soziales Konstrukt ist „Männlichkeit“ zu einem Kampfplatz zwischen Bewahrung von konservativen Vorstellungen und Vorherrschaften sowie kritisch emanzipierten Infragestellungen geworden, der ein Nachdenken darüber an den Rand der Unmöglichkeit gebracht hat. Doch was bedeutet Männlichkeit heute und mit welchen Vorbildern – zum Nachahmen oder Angreifen – wachsen Jugendliche heute auf?

Für das Projekt von Marco Layera und Teatro La Re-sentida „La posibilidad de la ternura“ wurden in einem halbjährigen Prozess in Santiago de Chile Workshops mit verschiedenen männlich gelesenen Jugendlichen mit unterschiedlichen sozialen Herkünften durchgeführt. Dabei fiel auf, wie schnell sich geeinigt wurde, wenn es darum ging, das toxische, maskuline, patriarchale Negativbild von Männlichkeit zu beschreiben und wie schwer im Gegenzug, ein positives Bild zu skizzieren. Wir veröffentlichen hier einige der Antworten auf die Frage:

„Welchen Mann in deinem Leben würdest du als positives Modell für dein Bild von Männlichkeit beschreiben?“

Matías
José Araya, mein Theaterlehrer. Von ihm habe ich viel gelernt. Er ist ein sehr spiritueller Mensch, der stark mit der Natur verbunden ist. José ist eine Person, die nicht auf Kämpfe aus ist, und dafür bewundere ich ihn sehr. Er ist ein Mensch, der sich mit der Seele anderer verbindet, sucht stets das Gespräch und er ist sich dessen bewusst, dass es auf der Welt nicht nur Menschen gibt, sondern viele andere Lebewesen, die ihr Leben gelassen haben, damit wir hier sein können, und wir deshalb der Natur dankbar sein müssen.

Marcos
Ein Vorbild für mich ist Paolo, der Freund meiner Mutter. In letzter Zeit hat er mir viel beigebracht. Es ist unglaublich, wie dir jemand, der dich kaum kennt, so viel Ruhe in dein Leben bringen kann. Paolo versucht immer, die Dinge ruhig anzugehen und dabei an das Wohl aller zu denken, auch wenn ich denke, dass ihm diese Anstrengung manchmal zu schaffen macht. Ich möchte ein Mensch sein, der innerlich so ruhig ist wie er.

Dimitri
Der Mann, der mich inspiriert hat, ist Federico Moura: Er ist sensibel, ruhig, kann mit Emotionen umgehen, er spielt in zwei Bands, er respektiert seine Mitmenschen, er lebte schon in den 80er-Jahren offen seine Homosexualität und er schrieb ein Lied darüber: Sin disfraz (zu dt.: Ohne Verkleidung), er schreibt Gedichte und hat eine sozialistische Grundeinstellung. Er ist leider vor 24 Jahren an AIDS gestorben.

Aukan
Mein Bruder Alexis ist mir in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich, wir teilen viele Schwächen, aber er hat es geschafft, sie zu überwinden. Alexis ist sehr ehrlich und hat kein Problem damit, dir die Wahrheit zu sagen, denn er nimmt kein Blatt vor den Mund. Seine innere Logik ist beeindruckend: Er ist, was er sagt und er macht, was er sagt. So will ich auch sein. Ich bewundere ihn seit ich klein war, als Kind war er mein Superheld.

Camilo
Als Beispiele kann ich nur Frauen nennen. Denn ich habe nach wie vor das Gefühl, dass Frauen viel freier sind als Männer in der Art und Weise, wie sie sich ausdrücken, wie sie denken und wie sie mit Kindern umgehen.

David
Mein Vorbild ist mein Onkel Facundo. Ich bewundere ihn, er wurde in einer armen Familie geboren, aber hat es dank harter Arbeit geschafft, ein Stipendium zu erhalten, um zu studieren. Er ist heute Informatiker, reist auf der ganzen Welt herum und lebt in Australien. Ich bewundere ihn für alles, was er erreicht hat und für seine schöne Beziehung zu seiner Partnerin. Er unternimmt viel, aber hat trotzdem immer Zeit für seine Freunde, liest und macht viel Sport. Obwohl er viel arbeitet, hat er trotzdem Zeit, um sich weiterzubilden. Facundo ist ein sehr toller und besonderer Mensch. Er ist wirklich eine Person, von der ich sagen kann: Ich wäre gern wie er.

Daniel
Ich habe mich für Mauricio entschieden, den Zwillingsbruder meines Vaters. Ich finde, dass mein Onkel ein Beispiel für Standhaftigkeit und Mut ist, weil er Teil der LGBTQ+-Community ist, dies aber lange Zeit nicht offen gelebt hat und viel Schweres durchmachen musste. Trotzdem hat er es geschafft, zu sagen, wer er war und was er fühlte – auch gegenüber seinen Eltern, was zu seiner Zeit sehr schwer war. Außerdem bewundere ich ihn für sein Wissen, er hat so viele Wissensfelder: Gärtnern, zeitgenössischer Tanz, Landschaftsbau… Ich wusste seine Aufmerksamkeit immer zu schätzen, die er mir als Kind schenkte. Er ging mit mir Kleidung kaufen oder nahm mich mit zu kulturellen Veranstaltungen, einfach nur, um Zeit mit mir zu verbringen – etwas, das mein Vater nie wirklich gemacht hat. Und Maurico arbeitet viel an sich selbst, meditiert und reflektiert. Eine solche Entwicklung der Persönlichkeit hätte ich auch gern.

Aljoscha
Mein männliches Vorbild ist mein Freund Rodrigo. Ich würde nicht sagen, dass ich so sein will, wie er, weil er das genaue Gegenteil von mir ist, aber ich bewundere ihn, weil er sehr in der Gegenwart lebt, offen für alle Menschen und ihre Probleme ist; er ist sehr ausgeglichen, und doch sehr emotional und gefühlvoll. Er hat immer Zeit, plant kaum oder organisiert etwas im Voraus.

Efraín
Er heißt Moises. Moises arbeitet als Arzt und ist stets bemüht um unsere Gesundheit. Ich habe ihn seit einer Weile nicht mehr gesehen, aber ich bewundere ihn für seine Fähigkeit, so viele Dinge zu tun, ohne gestresst zu sein und ohne zu vergessen, wo er herkommt. Er liebt seine Familie und das ist es, was ich am meisten an ihm bewundere. Vor kurzem hat er meine Großmutter auf eine Reise in den Süden Chiles mitgenommen, sie war noch nie dort gewesen und diese Reise hat ihr sehr viel Lebensfreude gegeben. Ich würde ihn gerne nochmal wiedersehen, um ihm zu gratulieren für das, was er verändert hat und ihm für alles danken.

Thormo
Die Person, die ich ausgewählt habe, steht mir nicht mehr sehr nahe, aber ich habe mich für ihn entschieden, weil er mir sehr dabei geholfen hat, mit meiner Sexualität ins Reine zu kommen. Er hat mir dabei geholfen, zu erkennen, dass ich nicht alleine bin. Er war die erste Person, bei der ich wirklich das Gefühl hatte, gehört zu werden und obwohl wir uns jetzt nicht mehr sehen und so gut verstehen, werde ich ihm immer dankbar sein, weil er der erste Mensch war, für den ich Gefühle hatte, und er mir sehr dabei geholfen hat, meine Persönlichkeit zu entwickeln und der Mensch zu werden, der ich heute bin.

Leftraro
Früher war ich selbst mein Vorbild, weil ich immer gern spielte, Dinge herausfand, dazulernte… das hat mir dabei geholfen, ich selbst zu sein. Aber eines Tages kam mein kleiner Bruder; ich sah ihn an und wusste, dass er für immer eine große Hilfe sein würde. Während wir zusammen aufwuchsen, habe ich viel von ihm gelernt, obwohl er viel jünger ist als ich. Er ist intelligent, viel intelligenter als ich und für mich ein gutes Vorbild. Ich hab ihn sehr lieb, denn er hat so viel Gutes in sich und ich möchte all das herausholen.

Kath
Ich bin auf dem Land groß geworden in einem sehr familiären, aber sexistischen Umfeld. Aber es gab einen Menschen, der mit allen Vorstellungen von Männlichkeit gebrochen hat. Dank ihm habe ich verstanden, dass es keine Dinge gibt, die nur Frauen machen und Dinge, die nur Männer machen. Denn er war es, der früh aufstand, einkaufen ging, um das Frühstück und Mittagessen zuzubereiten, er zog seine Schürze an und kochte wie ein Gott. Er war sehr sensibel und liebevoll: Mein Großvater.

Nino
Mein Vorbild ist mein großer Bruder Alejandro. Er ist derjenige, der mir Kunst und Kultur näher gebracht hat. Heute ist er Ingenieur und Vater von zwei Töchtern – eine ist nicht von ihm, aber er kümmert sich um sie als wäre sie seine eigene. Er ergreift oft Initiative, ist immer für die Familie da und eine verlässliche Stütze für uns. Alejandro legt viel Wert auf gute Kommunikation und er ist derjenige, der die Familie zusammenbringt. Er hat mir beigebracht, niemals in den Alltagstrott zu verfallen und immer offen zu sein für neue Erfahrungen. Im Gegensatz zu meinem Vater hat er meine Bedürfnisse erfüllt, hat Fragen gestellt und nach meinen Interessen geforscht. Das habe ich immer gespürt und war ihm dafür schon immer dankbar. Er hat es immer geschafft, seine Liebe und Fürsorge zu zeigen. Und er ist immer für mich da, wenn ich ihn brauche

 

©  zusammengestellt von Aljoscha Begrich, Münchner Kammerspiele